Peter Licht
April 25, 2008
Peter Lichts Text zum Bachmannpreis 2007:
Die Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends
Es ging mir gut. Ich war gesund, und ich hatte Geld. Nicht gerade unglaublich viel Geld, aber ich hatte. Ich konnte mir leisten, was ich mir leisten können wollte, und ich konnte auch mal einen Schlag drauf legen. Zwar war der Schlag so groß jetzt nicht. Aber immerhin. Ein mittelgroßer Schlag. OK sagen wir eher mal an der unteren Grenze von mittel, oder vielleicht am oberen Rand von unten, also auch nicht ganz oben am oberen Rand. Sagen wir, in einem gemessenen Abstand zu diesem oberen Rand. Oder vielleicht mit der leichten Tendenz zu “mittel”. Sprich:
Ich hatte mittel Geld. Mittel Geld im Bereich von “unten”. Obwohl, das müßte ich nochmal genauer fassen. Die natürliche Fruchtfolge vom Geld ist ja das Auf und Ab, und die Natur meines Geldes war wohl doch nicht “mittel”, sondern vielleicht einen Tacken in Richtung: ein wenig unterhalb von mittel von unten. Das klingt jetzt ein wenig kompliziert. Um es zu vereinfachen, würde ich sagen, daß man es auch als “unten” bezeichnen könnte.
Also ok, mein Geld war unten. Aber immerhin, Geld war irgendwie da. Wenn auch vielleicht eher so: das Thema Geld war irgendwie da. Also das kann ich sagen, das Thema Geld, da war ich so im Bereich voll oben. Ich könnte also sagen, ich war voll von Geld. Überall kam es mir aus den Poren. Geld Geld Geld Geld. Geld flog in meinen Gedanken umher. Es klimperte unentwegt. Alles, was ich aufmachte, klimperte mir entgegen. Münzen Münzen Münzen. Man könnte auch so sagen: Meine Schulden waren halt geringer geworden. Sie waren vergangen. So wie der Winter vergeht, und jetzt ging es auch schon wieder aufwärts, also aufwärts im Sinne von: im Prozeß sein im Sinne von: in Bewegung hin zu dem Punkt, von dem an man die neuen Schulden als weniger betrachten könnte, wenn man wollte. Also die neuen Schulden wurden immer weniger. So könnte man vielleicht sagen. Es kam kein Minusgeld mehr hinzu, es überhäufte mich nicht, wie es mich mal überhäuft hatte. Ich war ja mal im Minusgeld geschwommen, das kann ich wirklich sagen. Geschwommen. Gekrault. Delphin. Alles. Ab einem bestimmten Punkt kommt man ja nur noch per Delphin drüber, so hepp, drüber über sein Minusgeld. Wie ein Raddampfer mit flachem Kiel. Ich möchte mal so sagen: ich lag wie ein gestrandeter Wal auf der Seenplatte meines Minusgeldes. Aber vielleicht – kann man ja ruhig sagen – vielleicht auch eher auf dem Ozean meines Geldes von unten. Vielleicht besser: Weltmeere. Also ich lag wie ein gestrandeter Wal, aber vielleicht sollte man eher vom Ozeandampfer oder Flugzeugträger sprechen, aber warum nicht gleich Ölbohrplattform? Wobei Ölbohrplattform einen Schuß ins Beschönigende hätte. Ich würde dann vielleicht besser von einer, sagen wir mal – kost ja nix – gestrandeten Insel sprechen.
Also dies wäre mein Zwischenergebnis: Ich lag wie ein gestrandeter Erdteil auf dem Weltmeer meines Minusgeldes. …weiter lesen
AM 2. Mai ist PETER LICHT zu Gast in Tartu, Estland, im Genialistide klubi, Lutsu 2
Eine Antwort hinterlassen